Er rannte schon seit mehr als einer halben Stunde. Die Angst im Nacken, spaltete er den schleichenden Bodennebel mit seinem unbeugsamen Willen. Er rannte nicht um sein Leben, auch nicht um Freiheit, er rannte um seine Heimat, um Erinnerung, um jene Fetzen seiner vergangenen Existenz, die wie Nebelschwaden an jedem Strauch, jedem Felsen, an den Berghängen mit den dunkelgrünen Tannen hingen. Ein Heimkehrer rannte um seine Vergangenheit, ein Verlorener suchte fieberhaft nach verwitterten Spuren, von denen ihn zwanzig Jahre Exil fern gehalten hatten.
Als sich sein Körper aus dem milchigen Schutzmantel schälte und er plötzlich mit fliegendem Atem auf die offene Weidefläche des Pfyngutes hinaus schoss, die Sicherheit von Wald und Nebel hinter sich lassend, da wurde ihm schmerzlich bewusst, dass er das Ende des Pfades erreicht hatte und er es wahrscheinlich nicht bis zum nächsten Waldrand schaffen würde, dessen geschlossene Pinienfront in der Ferne lockte. Trotzdem lief er weiter, teils vom eigenen Antrieb vorwärts gestossen, teils von der Landschaft angezogen, die sich ihm nach so langer Zeit wieder offenbarte und in deren Schoss er Geborgenheit und Frieden zu finden erhoffte. Keuchend und jeden Muskel zum Zerreissen gespannt, warf er sich dem so lange erhofften Bild entgegen, das unter seinen Augen allmählich Wirklichkeit wurde.
Als ihn die Kugel einholte und der stechende Schmerz in seinen Rücken drang, warf es ihm den Kopf nach hinten. Seine Augen bohrten sich in den Himmel, während seine Gesichtszüge grenzenloses Bedauern und trotzdem einen Ausdruck von Erleichterung widerspiegelten. Der Heimkehrer blieb schwankend und schwer atmend stehen. Alle Kraft wich aus seinem Körper. Es schien ihm, als trieben die Wolkenberge nicht mehr über ihn hinweg, sondern durch seine Hornhaut hindurch, als breitete sich das kühlende Blau des Firmaments wohltuend in seinem Kopf aus. Mit erstaunlicher Deutlichkeit empfand er die unzähligen Male nach, in denen er als junger Mensch im Gras gelegen und den sich stets verändernden Quellwolken auf ihrer Flucht durch den Walliser Himmel nachgeschaut hatte.
In der kurzen Zeit, die ihm noch zu leben blieb, vollführte er eine Reise durch die Vergangenheit seines eng bemessenen Lebens und zugleich durch die viel umfassendere der Erdgeschichte. Es schien ihm, als glitte er durch einen Raum von Gefühlen und Erinnerungen, dem er sich als Fremdkörper sehnsüchtig wieder einzuverleiben versuchte. Dabei hatte er den Eindruck, dass sich diese seltsame Landschaft mit zahlreichen vergangenen und künftigen Schicksalen verwob.
Es fing damit an, dass sich ihm, während er langsam nach vorne fiel, die gleissende Schneemütze des sich in einiger Entfernung erhebenden Schafbergs kühlend über die Augen zu stülpen schien. In diese Vision zusammengefasst waren die unzähligen Male, an denen er ihn bestiegen hatte, sowie alle anderen Bergspitzen, die den Himmel einrahmten und an seinen Rändern aufzuschlitzen schienen. Obwohl sein Körper nach vorne sank, war er angefüllt mit Aufwärtssteigen, Erhebung, Emporkommen, angefüllt mit dem unersättlichen Drang nach Entgrenzung, Über-sich-Hinauswachsen, nach jener Reinheit, die die Berge versprachen und seine Pupillen nun ein letztes Mal widerspiegelten.
Etwas tiefer schoss Urgestein, graue Verwitterung in die Starre seiner aufgerissenen Augen. Flechten prägten ihre Mäander in sein Bewusstsein, Urpflanzen, Mutter allen Gewächses, biologischer Widerstand am Rande des Ertragbaren. Es schien ihm, als hätten sich seine Augen in zwei Lupen verwandelt, als flöge er damit über die Geröllhalden hin, die wundersamen Formen der schier unausrottbaren Steinflora abtastend, darin Bestätigung suchend für das selbst Erfahrene, dass nämlich die Überlebenskraft ins Unermessliche anwächst, wo die Härte der Lebensbedingungen den Willen zum Widerstand stählt.
Mit weit aufgerissenen Augen kippte er, wie im Zeitlupentempo, weiter nach vorn und wähnte sein Sichtvermögen merkwürdig vervielfältigt, da es ihm ermöglichte, das unendlich Grosse und das verschwindend Kleine zugleich wahrzunehmen. Ähnliches widerfuhr ihm mit der Zeit: Die Jahreszeiten wechselten einander in rasender Geschwindigkeit ab und dort, wo eben noch blühende Alpwiesen die Schniidi mit sommerlicher Farbenpracht belegt hatten, sah er sich alsbald auf Skiern durch meterhohen Neuschnee hinunterfahren. Dabei war es ihm, als schlitze er mit seinen Spitzkurven den Sattel zwischen Schafberg und Horlini tief auf. Horden von Bergsteigern, Reisenden, Soldaten mit napoleonischen Uniformen und Kanonen und wieder andere, viel ältere, mit Elefanten, ergossen sich durch den frühlingsträchtigen Spalt ins Rhonetal hinein. Dahinter, schemenhaft, Hünen, Zwerge, sagenhafte Gestalten, endlose Gratzüge und er selber, wie er, ihnen entgegen strebend, schweisstriefend den Berg erklomm, salzigen Geschmack auf der Zunge, die Nasenflügel weit aufblähend, um den würzigen Geruch der Kräuter gierig in sich aufzunehmen, gedankenverloren zwischen Erinnerung und Zukunft, Erde und Himmel, Leben und Tod schwankend.
Als er noch weiter nach vorne sank, offenbarte ihm der seltsame Zeitraffer die sonnenverbrannten Lärchenfassaden der Chärmidunger Alphütten. Während sein Blick in die Furchen, Rillen und Äste des Holzes vordrang, die sich wie eine surreale Landschaft vor ihm auftaten, verwandelte sich die Substanz der Balken in Feuerschein, in wohlige Wärme, die in seinem Körper ein letztes Mal gegen die sich ausbreitende Kälte ankämpfte. Äste verwandelten sich zurück in Tannenbäume, Pechgerinnsel in das schmelzende Wachs von Kerzen. Er sah lachende Kindergesichter, ernste und mahnende Augen, sah im Weihnachtsschimmer den Erlöser in der Krippe liegen und Ärmchen und Beine gen Himmel strecken, hörte Weihnachtsgebimmel, das immer lauter, immer eindringlicher schellte und schliesslich in das hundertfache Geläute von Glocken mündete. Daraufhin verdichtete sich der Schall zu Formen, nahm die Gestalt von bedächtig grasenden Kühen an, die sich um das Vesperläuten der Alpkapelle scharten. Und schon befand er sich wieder im sommerlichen Summen der Insekten, unter mehrhundertjährigen Lärchen und ergötzte sich am Rauschen und Rieseln der ihn umgebenden Bergbäche. Seine Kindheit kam in ihm hoch, das Glück seines einstigen Lebens, als die Verbindung mit dem Land noch nicht unterbrochen war und seine Wurzeln noch nicht ins Leere griffen.
Doch schon ging es weiter nach unten, glitten seine Augen von den Holzschindeldächern zu den ins Tal führenden Pfaden. Wie ein irr gewordenes Insekt sauste sein wieder aufs Äusserste geschärftes Auge durch die Hangwiesen, als wären es Wälder. Um ihn erhoben sich die Stiele der Blumen und Pflanzen wie Baumstämme. Kelche und Blüten neigten sich zu ihm nieder wie grosse, farbige Fabelwesen, die über seiner rasenden Talfahrt bedenklich den Kopf schüttelten. Er überflog das karminrote Duften von Männertreu, sauste unter den sonnengleichen Köpfen des Wiesenbockbarts hindurch, an Hornklee vorbei und verfing sich schliesslich in der violetten Drohung der Teufelskralle.
Ermattet legte sich das brechende Auge des Sterbenden sodann auf die Zinnen des Leuker Stadtturmes, glitt am jahrhundertealten Mauerwerk herunter, in dessen Ritzen sich die Käfer und Eidechsen in geharnischte Ritter verwandelten, die auf der steinigen Oberfläche mit Funken schlagenden Hufen endlose Turniere ausfochten.
Nun zog es ihm den Blick unwiderstehlich in den Schatten einer engen Gasse hinein, wo er das von Herzklopfen und Blutrauschen fast platzende Ohr an eine Holztüre presste, hinter der, in tausendfachem Echo, hemmungsloses Keuchen und Lustschreie zu vernehmen waren. Er spähte durch einen Spalt in der Türe und sah den Stoss. Immer wieder, den Spalt, den Stoss, den Spalt, den Stoss, rannte weg, am väterlichen Haus mit der dämmerigen Stube vorbei, in der er so viele Stunden bei stiller Lektüre und Bücherschreiben verbracht hatte - doch das alles zählte plötzlich nicht mehr - und verschwand, von Eifersucht getrieben, in den Weinbergen. Dort sah er sich mit der Schere Trauben ernten, berauschte sich am süssen Saft und am Rascheln der Blätter, das allmählich ohrenbetäubend anschwoll, sich in ein schreckliches Röcheln verwandelte, und ihm die Verzweiflung in die Kehle trieb. Verständnislos nahm er wahr, wie sich seine eben noch friedlichen Erntehände um einen Hals krallten, sah das verzerrte Gesicht darüber, den Todeskrampf, die verdrehten Augen seiner untreuen Geliebten, empfand, wie das eben noch pulsierende Leben unter seinen Fingern erschlaffte.
Als sein fallender Körper schon fast den Boden berührte, lösten sich die Bilder in noch viel rascherer Folge ab. Dämmerung senkte sich über sein Bewusstsein, als sich ihm der Schauplatz seiner damaligen Flucht, der Waldrand mit den langstieligen Pinien, einprägte. Wieder sah er sich zwischen den Bäumen des Pfynwalds hindurch rennen, fühlte das Peitschen der Äste auf seinem Gesicht, das Brennen auf der Haut, rannte mit fliehendem Atem durch die Nacht. Den eben verübten, schrecklichen Mord im Nacken, und von der Angst vor dem nicht wieder Gut zu machenden getrieben, keuchte er auf der Suche nach einer Fluchtmöglichkeit durch das Unterholz. Dann der unerwartete Parkplatz, der Diebstahl des Autos, die Fahrt auf der vereinsamten Kantonsstrasse über jede Grenze hinaus, in die Fremde, ins Nichts hinein.
Doch dieser ins Leere führende Strassenfetzen stiess in seinem vergehenden Auge auf den entgegen gerichteten Weg, der ihn wieder nach Hause und in die Gegenwart führte. Der Aufprall war gewaltig! Aus ihm quoll, wie dickflüssiges Blut aus einer Wunde, die Bildwelt seines langjährigen Exils jenseits des Meeres. In den Grautönen dieser Vision kämpfte die Anziehungskraft der verlassenen Heimat wieder gegen das Abstossende des vom Todeskrampf verzerrten Gesichtes, rangen Eros und Thanatos miteinander, ewig verfeindet und doch verbunden. Bei jeder Erinnerung legte sich die Schreckensvision des begangenen Mordes unbarmherzig über die schillernde Landschaft seiner Kindheits- und Jugendzeit und warf ihn zurück in die Grauzone des Exils. Er empfand wieder die Zermürbung dieses ewigen hin und her, fühlte, wie ihn die Entwurzelung auslaugte, wie jedoch das Entsetzen über das sterbende Gesicht der einstigen Geliebten allmählich vor dem übergrossen Wunsch wich, sich ein letztes Mal mit der Erde zu verbinden, aus der er entsprungen war. Die Menschen, Städte und Strassen der Neuen Welt verblassten, wurden von Heimweh zersetzt und von Sehnsucht aufgesogen, bis nur mehr dieses Gefühl Bestand hatte und ihn an den Ort der Liebe und des Todes zurück trieb.
Nun erst wurde ihm gewahr, dass das, was er als Aufprall der beiden Wege verstanden hatte, durch das Knallen der Schüsse aus der Nebelwand bewirkt worden war. Die Polizeisperre kam ihm wieder in den Sinn, die kreischenden Reifen, als er, endlich auf dem Weg nach Hause, das Handzeichen der Beamten missachtet hatte und mit erhöhter Geschwindigkeit durch die Kontrolle hindurch gerast war. Nun hörte er auch das Heulen der Sirenen wieder, fuhr erneut mit dem Auto in den Waldweg, der in einer Sackgasse endete und lief mit sich selber noch einmal durch den Nebel, bis ihn, kurz vor dem lang ersehnten Ziel, die Kugel ereilte.
Erinnerung und Gegenwart fielen zusammen, während der Körper des Heimkehrers schwer im nassen Gras aufschlug. Als der Kopf den Bruchteil einer Sekunde später seinerseits im fetten Klee verschwand, atmete der Sterbende noch einmal den Geruch von Heimat ein, bevor er sein flüchtiges Leben aushauchte.
In dem Augenblick aber, als die Gräser unter seinem offenen Mund zum letzten Mal leicht erzitterten, durchdrang ihn ein alles versöhnendes Gefühl, welches seinem verfehlten Leben doch noch einen Sinn verlieh. Es schien ihm, als nähmen Gras und Scholle auf höchst wunderbare Weise menschliche Züge an und seine Lippen vergrüben sich in jene des geliebten Gesichtes, welches, nunmehr friedlich geglättet und von jeder Verzerrung befreit, nur mehr Licht ausstrahlte und ihn in grenzenloser Güte und Heiterkeit in sich aufnahm.
Die Heimsuchung war beendet, der Kreis geschlossen.
Etwas später traten uniformierte Gestalten auf die Lichtung und versammelten sich um den leblosen Körper. Als ihn einer der Polizisten auf den Rücken drehte, drang ein Sonnenstrahl durch den Nebel und fiel auf ein in der Gegend längst vergessenes, selig lächelndes Gesicht.