Oskar
Freysinger
Brüchige Welten
30 Kurzgeschichten, Parablen,
Satiren
128 Seiten
12,5 x 19,5 cm
ISBN 3-907624-60-2
FR.
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DETAILS
ZUM BUCH :
Titel: „Brüchige
Welten“
Erscheinungsdatum: „ Mitte November 2004“
Zur Buchentstehung:
Die vorliegenden
dreissig Geschichten sind in einer Zeitspanne von 7 Monaten (Februar
bis August 2004) im Zug von Sitten nach Bern ( z.B. „Das
Gleichgewicht“, „Wohnungsangst“, „Babel“,
„die Verstimmung“), im Zimmer 401 des Hotel Kreuz in
Bern („Vorahnungen“, „Das Attentat“, „Der
Filmer“ usw.), während eines Ferienaufenthaltes in
Sardinien im April 2004 („die Tschetschenin“,
„Schafsköpfe“, „Gerädert“, „Am
Fenster“ und „Seilschaft“), in meiner Alphütte
in Tschärmilonga („Rücklauf“, „Der
Tisch“, „Das Gemälde“, „Trüber
Whiskey“, „Tödliche Musik“) oder ganz einfach
zu Hause in Savièse entstanden („Ein stilles Örtchen“,
„Ein Hundeleben“, „Don Juan“, „Die
Corrida“, „Sisyphus“, „Ein freier Mensch“
usw.).
Einen Spezialfall stellen „Das Zimmer“ und
„Berührungsängste“ dar, weil ich sie zuerst in
französischer Sprache (für die Geschichtensammlung
„Axiomes“) niederschrieb und sie dann in die deutsche
Sprache mehr übertrug als übersetzte.
Die Ideen kommen
mir oft während des Joggings auf dem „Bisse de Lentine“,
wo ich mir zweimal in der Woche zwecks Erhaltung meiner körperlichen
Restbestände die Lunge aus dem Leib renne oder während der
zahlreichen Skitouren, die mich im Winter auf die „Horlini“
oder den „Schafberg“ führen. Während ich laufe
oder den Berg hinauf gehe, kristallisieren sich meine Gedanken um
ein Bild oder ein Thema, die aus einer Lektüre oder dem
Tagesgeschehen stammen können. Mein Gehirn spannt dann um
diesen Nukleus seine Gespinste und so komme ich von meiner
sportlichen Tätigkeit meist mit einem oder mehreren Szenarien
zurück. Manchmal überfällt mich aber eine Idee auch
mitten im Unterricht, im Parlament oder in einem Supermarkt.
Die
Idee zu „Die Verstimmung“ hatte ich im Parlament, als
ich wieder einmal durch die Schwingtür hereinstürzte, um
der Demokratie genüge zu tun. „Trüber Whisky“
kam mir in den Sinn als ich eines Abends am Motel „Vallesia“
bei Turtmann vorbeifuhr und mir dabei mein nächster
Parlamentsvorstoss gegen Kindesmissbrauch durch den Kopf ging.
„Rücklauf“ stellt meine literarische Methode dar,
um den Waldbrand bei Leuk zu verarbeiten, dessen Spuren mich heute
noch tief erschüttern. „Allahs Geschoss“ und
„Berührungsängste“ hängen mit dem
Islamismus, dem Irakkrieg und der Invasion Afghanistans zusammen,
die jeden Tag unsere Zeitungen füllen. „Wohnungsangst“
ist ein Ausdruck der für mich ungelösten Problematik
zwischen totaler Verstaatlichung und Ultraliberalismus. „Babel“
fasst meinen ganz persönlichen Widerspruch in meinem jetzigen
politischen Engagement zusammen. „Sisyphus“ flog mir
zwischen zwei Schlägen gegen den Puchingball im Untergeschoss
meiner Villa zu. „Der Tisch“ ist die Verarbeitung des
Films „the conspiracy“, der die Wannseekonferenz zum
Thema hat. „Ein Hundeleben“ ist das Resultat eines
Joggings in „Les Grangettes“ bei Le Bouveret, als ich im
Sommer 2004 an einem moralischen Tief krankte. „Ein stilles
Örtchen“ ist die Reaktion auf ein Poster, das ich in
Lübeck kaufte und das auf humoristische Weise verschiedene
Menschen in diversen Tätigkeiten und Posen auf der Toilette
zeigt. Schliesslich ist da noch „Die Corrida“ zu
erwähnen, die mir einfiel, als ich die deutschsprachige Version
des Schauspiels „Teruel“ im Theater „Interface“
in Sitten begutachtete, um etwaige Aussprachfehler des
Hauptdarstellers auszumerzen.
Ich schreibe an jedem beliebigen
Ort und in all den Momenten, wo sich zwischen meinen familiären,
beruflichen und politischen Beschäftigungen ein Freiraum
ergibt. Dabei brauche ich lediglich meinen Laptop, sonst nichts. Ob
um mich herum das grösste Chaos herrscht, Bombenalarm angesagt
ist oder die Welt sonst wie untergeht ist völlig gleichgültig.
Sobald eine Geschichte reif ist, muss sie aufs Papier.
Habe ich
keine Zeit, die Geschichten sofort auszuarbeiten, was meistens der
Fall ist, so notiere ich die wichtigsten Anhaltspunkte, um sie nicht
zu vergessen, in eine dazu bestimmte Agenda, welche ich zur Hand
nehme, sobald mich der Schreibteufel überfällt. Manche
Geschichten verfolgen mich tagelang und ich kann es meist nicht
erwarten, sie endlich definitiv zu Papier zu bringen.
Was mich
immer wieder verwundert sind die eigenartigen Wege, auf denen mir
diese Geschichten zufliessen. Die erste Eingebung hat nichts mit
meinem Willen oder einer formulierten Absicht zu tun. Sie ist ein
Geschenk, das in den unmöglichsten Situationen auf mich
zukommt. Fasse ich danach und halte sie zurück, dann beginnt
der zweite Teil, während dessen ich meine Gedanken frei um die
Grundidee kreisen lasse. Dann erst, nach dieser Reifungsphase, kommt
der eigentliche Schreibakt, im Verlauf dessen sich die Geschichten
noch verändern können. In dieser dritten und letzten Phase
liegt aber der grösste Teil der Kreativität im formalen
Bereich, das heisst in der Erstellung des Wortgeflechts, der
Erfindung von Bildern und der Ausarbeitung des Symbolischen. In
einer ersten Phase findet dabei die Grobschrift statt und dann, nach
mehreren Lektüren und Abänderungen, eine allmähliche
Verfeinerung bis zum Endresultat. Im verbalen Bereich bin ich ein
Perfektionist. Solange die sprachliche Formulierung bei der Lektüre
nicht völlig natürlich fliesst, feile ich daran herum bis
zum Umfallen. Erst wenn der letzte Widerstand ausgebügelt ist
gebe ich mich zufrieden. Schliesslich geht es mir nicht darum,
irgendetwas halb Gegorenes zu Papier zu bringen, sondern den
ausgereiften Ausdruck meines Formwillens.
Typologie:
Global können
die Geschichten in drei Kategorien eingeteilt werden, wie es der
Untertitel bezeugt.
Eine erste Kategorie bilden die
Kurzgeschichten, die einen dramatischen Lebensabschnitt oder ein
denkwürdiges Ereignis darstellen (z.B. „Die
Tschetschenin“, Berührungsängste“, „Tödliche
Musik“ usw.).
Dann kommen die parabelhaften Texte, die oft
groteske, bis zum Absurden reichende Situationen beschreiben und
dramatischen wie auch humorvollen Charakters sein können (z.B.
„Babel“, „Der Filmer“,
„Sisyphus“).
Schliesslich die Satiren, die gewisse
menschliche Verhaltensweisen ironisch in Frage stellen
(„Ein
stilles Örtchen“, „Schafsköpfe“, „Am
Fenster“, „Grüss dich tausendmal“).
Gewisse
Geschichten befinden sich an der Schnittstelle zwischen zwei
Kategorien („Das Gleichgewicht“, „Die
Verstimmung“, „Gerädert“).
Einen
Spezialfall stellt „Schafsköpfe“ dar, welches als
„satirische Fabel“ bezeichnet werden kann.
Die
verwendete Sprache passt sich der jeweiligen Kategorie und dessen
Anforderungen an. Mal ist sie trocken, minimalistisch („Gerädert“),
mal neutral berichtend („Rücklauf“), dann wieder
poetisch („Die Corrida“), ironisch („Ein stilles
Örtchen“) oder dramatisch zugespitzt („Tödliche
Musik“).
Es ging mir bei „Brüchige Welten“
um Stilvielfalt, um Abwechslung und Überraschung. Der Leser
soll sich nicht ausruhen, nicht in Sicherheit wiegen können. Es
soll ihm kein glattes Parkett geboten werden, er soll über
Brüche, Spalten und Risse stolpern.
Monotonie und Langeweile
dürfen nicht aufkommen. Gewöhnung an gewisse Perspektiven
und Schemata auch nicht. Der Leser soll vielmehr ständig aus
seiner Selbstsicherheit gerissen werden.
Absicht:
Es ging mir bei
diesem Buch nicht darum, Anekdotisches oder Autobiographisches
festzuhalten. Vielmehr liess ich meinem Schöpfungsdrang vorerst
freien Lauf, um dann, einem Surfer gleich, auf dieser Welle so
gefährdet und stilvoll wie möglich bis zu geheimnisvollen
Gestaden hinter der Wirklichkeit zu gleiten.
Will Literatur
gelingen, dann muss sie Elemente aus dem persönlichen Erleben
kunstvoll mit dem Zeitlosen verbinden. Die grossen Mythen sind nicht
mehr zu erfinden. Das Alltägliche bleibt anekdotisch. Aus der
Verbindung dieser beiden Ebenen kann jedoch eine Literatur
erwachsen, die unser Erleben, unsere Überzeugungen, unsere
Perspektiven über den Haufen rennt und uns das Vorstossen zu
einer Dimension ermöglicht, die zu oft vergessen wird, obwohl
sie allgegenwärtig ist.
Hinter der Welt, aber auch durch
diese Welt, öffnen sich andere Welten. Weil unsere Existenz
gefährdet, unser Erleben porös ist, weil immer wieder
Brüche in unserer Weltanschauung entstehen, vor denen wir von
einem Schwindelgefühl erfasst werden, dem nur das Schöpferische
gerecht werden kann.
„Brüchige Welten“ will die
unsichtbaren Gesetzmässigkeiten hinter unserer Existenz offen
legen. Die Welt ist keineswegs absurd. Unser Verhalten ist es. Das
Leben ist keineswegs sinnlos. Unsere Augen sind geblendet. Es
herrscht kein Chaos, selbst wenn wir es selber herstellen. Wir sind
nicht allein, denn alles ist auf geheimnisvolle Weise mit allem
verbunden.
Um zu dieser Erkenntnis vorzudringen genügt der
Intellekt nicht mehr, braucht es die Hilfe einer geheimnisvollen
Kraft, aus der alles gesprossen ist und zu der alles wieder
zurückfliesst. Der Mensch wehrt sich und zappelt verzweifelt an
der Leine des Unfassbaren. Er will definieren, erklären,
ergründen, will mathematische Präzision. Doch sein Gehirn
stösst immer wieder an Grenzen und schlägt sich Beulen an
der Mauer seiner Selbstüberschätzung. Die Mauer ist in ihm
und er will sie in der Welt überwinden. Die Zweifel, die Angst,
die Verzweiflung sind Kinder seiner Gedankenwelt und er sucht sie in
der materiellen Wirklichkeit zu überwinden, statt in sich
selber zu gehen.
„Brüchige Welten“ zeigt
Schicksale auf, beschreibt menschliche Dramen, die so alt sind wie
die Menschheit und so jung wie die Zukunft. Die dreissig
vorliegenden Geschichten können nicht alt werden oder
altmodisch, denn sie können sich zu jeder Zeit in irgendeinem
Volk, bei irgendwelchen Menschen zugetragen haben. Der Grundstoff,
aus dem sie bestehen, mag wohl einer bestimmten Epoche oder
Gesellschaft entnommen worden sein. Die dahinter liegende
Problematik ist zeitlos.
Schreiben darf nicht zur
Selbstdarstellung des Autors verkommen, darf sich nicht in den
Dienst von Platitüden stellen, die schon zu Staub geworden
sind, bevor sie das Papier beschmutzen, das sich ihnen geduldig zur
Verfügung stellt.
Wer wirklich schreiben will, der muss sich
in den Dienst dieses Schreibens selber stellen, muss darin aufgehen,
sich selber aufgeben und nur mehr der geheimnisvollen Stimme in
seinem Inneren folgen, jenseits seines Stolzes, jenseits seines Ego.
Wer wirklich schreiben will, der muss akzeptieren, dass in ihm eine
höhere Wahrheit widerhallt, muss akzeptieren, bei der
Niederschrift deren demütiger Diener zu werden. Wer das nicht
kann, der schreibt „Nichtbücher“, der füllt
seine Worte mit Asche statt mit Geist, der betreibt lediglich ein
makabres Spiel mit Todeszeichen, statt der Sprache eine Seele
einzuhauchen.
„Brüchige Welten“ hat nichts mit
einem gewissen Autor zu tun, sondern mit dem Leben selber. „Brüchige
Welten“ soll nicht als Ausdruck eines bestimmten menschlichen
Intellekts verstanden werden, sondern als gewaltige Stimme, die
diesem Intellekt selber entgleitet und eine Eigendynamik entwickelt,
die den Autor selber übersteigt.
Ist dieses Experiment
gelungen, dann wird das Buch jeden Menschen bereichern, der seine
Seiten aufschlägt, indem es ihn zwingt, seine eigene Welt zu
hinterfragen und ihm Abgründe und Brüche vorführt,
deren Erkundung in der Seele tiefe Spuren hinterlässt.
Zielpublikum:
Jeder Mensch, der
des Lesens kundig ist und sich nicht mit einer einzig selig
machenden Wahrheit von eigenen Gnaden begnügen will. „Brüchige
Welten“ will Fragen aufwerfen, verunsichern, bewegen. Die
Geschichten können oberflächlich gelesen werden, als
spannende Abenteuer etwa, oder als skurrile Erzählungen. Wer
aber tiefer gehen will, der wird hinter den Texten neue, ungeahnte
Welten entdecken können.
Dreissig Geschichten, je nach
Wunsch und Laune zum Zeitvertreib oder zum Nachdenken über
unsere menschliche Existenz.