Interpretation des Textes « Berührungsängste »
aus « Brüchige Welten“ von Oskar Freysinge
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Auslöser der Tragödie ist die dem Lustprinzip völlig abholde Einstellung Gulbuddins. Seine Verachtung für die „räudigen Hündinnen“ beruht auf einer extremen Form der patriarchalischen Herrschaftsverhältnisse, die für die Frau keine andere Rolle vorsieht als deren totale Unterwerfung und Versklavung. Bei Gulbuddin kommt noch die Ablehnung der eigenen Sexualität hinzu, die in eine „Begattungsprozedur“ mündet, welche den Kontakt des weiblichen und männlichen Körpers auch im Sexualakt vermeidet. Hinzu kommt noch seine übertriebene Selbsteinschätzung als „Sittenwächter“.
Diese Haltung beschwört die verbotene Liebe zwischen Meena und Zuleima heraus. Gulbuddins übertriebenes Sittlichkeitsverhalten bewirkt genau das, was er im Grunde verhindern möchte. Alles gipfelt in der Opposition zwischen zwei extremen Positionen im Bereich der körperlichen Beziehungen (was auch den Grund für den Titel „Berührungsängste“ darstellt): Auf der einen Seite trennen sich die Körper definitiv (Distanz des Steinwerfers zu seinem weiblichen Opfer). Einzige - tödliche - Verbindung zwischen ihnen stellen die Steine dar, welche die Härte der extremen Unterbindung der menschlichen Lust darstellen. Die Berührung findet nur mehr indirekt, das heisst über das tödliche Wurfobjekt statt, was die extreme Entmenschlichung und Beziehungslosigkeit darstellt, die im Talibanregime vorherrschten. Das Kollektiv wird einbezogen und interveniert, durch den Vollzug des Tötungsaktes, in den privaten Bereich.
Auf der anderen Seite haben wir, vor der Steinigung, die allmähliche Schaffung einer vor der Gesellschaft verborgenen Intimsphäre, in der sich die Zärtlichkeit des Weiblichen befreit und der Härte der steinigen Talibanwelt die extreme Weichheit der Linien von zwei aneinander gepressten weiblichen Körpern entgegensetzt.
Dies ist für Gulbuddin umso unerträglicher, als seine Autorität, die Allmacht des „göttlichen“ Gesetzes und nicht zuletzt seine patriarchalische Notwendigkeit im Sexuellen in Frage gestellt werden. Seiner durch absolute Härte gekennzeichnete Herrschaft über das Weibliche erwächst durch die Zärtlichkeit und zügellos erlebte und genossene Lust der beiden Frauen eine gefährliche Konkurrenz und Infragestellung.
Gulbuddin glaubt, das Gleichgewicht wieder herstellen zu können, indem er die beiden Körper auseinander reisst und einen davon ermordet.
Die Verbindung zwischen den beiden Geliebten transzendiert jedoch alles und kann nicht mit dem Tod einer der beiden Frauen enden. Das Band der Liebe ist zu stark. Der überlebende Teil ist nur mehr vom Wunsch besessen, mit dem anderen im Tod wiedervereinigt zu werden.
Bis zu diesem Punkt ist Meena nicht von Rachegedanken erfüllt. Als jedoch Gulbuddin das alte Spiel gewaltsam wieder einführen will und seine Frau vergewaltigt, um ihren Willen zu brechen, bewirkt er zum zweiten Mal das Gegenteil dessen, was er erhoffte. In der geschändeten Frau reift, von Hass genährt, der Wille zum Widerstand heran.
Meena wird zum Spiegelbild ihres Mannes und setzt ihren Racheplan mit letzter Konsequenz durch. Sie lässt den Leutnant Gulbuddins benachrichtigen, der nur davon träumt, dessen Stelle einzunehmen, und wendet all das, was sie mit Zuleima an Liebeskünsten gelernt hat, an ihrem Mann an.
Dieser ist überrumpelt, durch seine eigenen Triebe verblendet. Er wird völlig folgerichtig genau dort bestraft, wo er als Zelot und Sittenwächter gesündigt hat: Durch seine eigene Sexualität, insbesondere deren lustvolle Komponente, die er stets zu unterdrücken versucht hat.
Durch Meenas Liebeskünste lebt eigentlich die gesteinigte Zuleima wieder auf. Die Tote rächt sich indirekt durch die Überlebende.
Der Dammbruch der Lust bewirkt Gulbuddins Verblendung und seinen Verstoss gegen die Scharia.
Am Ende einer derartigen Perversion des Eros kann nur Thanatos stehen. Für die drei Akteure verwandelt sich das Lebensprinzip in sein Gegenteil, aber in völlig entgegen gesetzter Weise: Meenas sehnlicher Wunsch, jenseits des Todes mit Zuleima wieder vereinigt zu sein, geht in Erfüllung. Gegen das Band ihrer Liebe vermögen die Steine des irr gewordenen Kollektivs nichts. Trotz Schändung und Marter bleibt der menschliche Geist frei und siegt in der Liebe über den Tod.
Gulbuddin bestraft sich selber und rächt sich an dem Organ, das ihn zu Fall gebracht hat. Er entmannt sich. Dies ist auch symbolisch für die Kapitulation eines Patriarchats, welches das weibliche Prinzip nicht als ebenbürtige Kraft anerkennt.
Auf der einen Seite stehen Liebe und Zweisamkeit über den Tod hinaus. Auf der anderen Selbsthass, Einsamkeit und, trotz des religiösen Fanatismus - oder eben dadurch - Abwesenheit jeder Heilsidee.

Oskar Freysinger