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Blick; 17.11.2004; Nummer 269; Seite A4
SVP-Nationalrat schrieb ein Buch
Pissoir-Poet schockt mit Porno-Prosa
von Michael Fichter
SITTEN. SVP-Nationalrat Oskar Freysinger (44) ist ein echtes Multitalent.
Als Pissoir-Poet und Lügen-Pinocchio hat der Walliser schon
für Aufruhr gesorgt. Und jetzt gibt es seine seltsamen Gedanken
sogar in Buchform. Auch da lässt er kein Tabu aus.
Oskar Freysinger wie er leibt und lebt: An der SVP-Delegiertenversammlung
in Lupfig AG beleidigte er Frauen und bekam den Spitznamen Pissoir-Poet.
Unlängst behauptete er, politische Werbung dürfe bewusst
die Unwahrheit sagen - BLICK zeigte ihn mit langer Pinocchio-Nase.
Und jetzt das: Freysinger beglückt uns mit seinen gesammelten
Gedanken in Buchform. «Brüchige Welten» heisst
das 128 Seiten starke Werk. Auflage: 5000 Exemplare. Heute Abend
wird es in Sitten an einer Vernissage präsentiert.
Und für einige rote Köpfe sorgen. Denn Freysinger schafft
das Unmögliche: Er unterschreitet sogar noch das Niveau seiner
Pissoir-Poesie. Etwa in der Geschichte «Berührungsängste».
Darin schildert der Gymnasiallehrer die lesbische Liebe zweier Musliminnen.
Ein Auszug: «Sanfte Finger und brennende Lippen erkundeten
die geheimsten Körperstellen, verwandelten jeden Zentimeter
Haut in einen Lustgarten, wurden immer unternehmender, fordernder.»
Freysinger geht noch weiter. Bis ins letzte Detail beschreibt er
uns eine Anal-Sex-Szene (siehe Ausriss). Porno-Prosa pur.
Berührungsängste hat Freysinger auch in den anderen 29
Kurzgeschichten kaum. In «Allahs Geschoss» erzählt
er die Erlebnisse einer Patronenkugel. Der düstere Schluss:
«Über die neue Welt wird Allahs Wort herrschen.»
Oder «die Verstimmung», in der Freysinger den Niedergang
eines Nationalrats beschreibt, der bei einer Abstimmung den falschen
Knopf drückt.
Oskar Freysinger, der Gymnasiallehrer als Porno- und Trival-Schriftsteller.
«Der Mann hat Talent», ist hingegen Verleger Philipp
Mengis (72) vom Walliser Rotten Verlag überzeugt. «Und
einem Talent muss man die Möglichkeit geben sich auszudrücken.»
Mengis lobt: «Freysinger schreibt gut, spannend und ein bisschen
erotisch.»
Der Rotten-Verlag gehört zum Walliser Mengis-Imperium. Dazu
zählt auch die Zeitung «Walliser Bote». Philipp
Mengis selber ist überzeugtes CVP-Mitglied: «Schon meine
Grosseltern waren Mitglieder der Partei.» Trotzdem stören
ihn die Sexszenen des SVP-Poeten nicht. «Klar geht das unter
die Haut und es wird Kritik geben. Ich hoffe aber, dass wir damit
niemanden verletzen.» Mengis: «Mit dem Thema kann und
muss man sich befassen.»
Die Ideen für die Kurzgeschichten kamen Freysinger im Zug,
im Hotelzimmer oder in der Wandelhalle des Bundeshauses. Freysinger:
«Sobald eine Geschichte reif ist, muss sie aufs Papier.»
Selbstzweifel plagen ihn dabei kaum: «Im verbalen Bereich
bin ich ein Perfektionist.»
Und die Sexszenen? «Literatur muss stören und bewegen»,
sagt er. Und die Details? «Was zählt, ist der literarische
Wert.»
Übrigens: Verwaltungsratspräsident des Rotten Verlags
ist Peter Arnold. Seines Zeichens Rektor des konservativen Kollegiums
Spiritus Sanktus (Mittelschule) in Brig.
Das Buch wird zu reden geben. Nicht nur im Wallis.
Vielleicht wäre das Papier für das Buch besser ein Baum
geblieben.
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