Blick; 18.11.2004; Nummer 270;

Freysinger und sein Porno-Buch
Wie weit darf ein Lehrer gehen?
von Michael Fichter

SITTEN. Die Porno-Prosa von SVP-Nationalrat Oskar Freysinger (44) sorgt für heisse Diskussionen. Viele Leute fragen sich: Ist er als Lehrer noch tragbar? Eine Berner Lehrerin verlor 2003 den Job, weil sie sich mit erotischen Fotos im Internet präsentiert hatte.
Gestern Abend in Sitten: In der Buchhandlung «la liseuse» findet die Vernissage von Freysingers erstem Buch «Brüchige Welten» statt. Im Werk des Gymnasiallehrers wird unter anderem detailliert die lesbische Liebe zweier Musliminnen beschrieben - inklusive einer Analszene (gestern im BLICK).
An der Vernissage lassen sich nur wenige prominente Walliser blicken. Warum? «Der BLICK-Bericht hat mich im Willen bestärkt, das Buch nicht zu kaufen», erklärt etwa CVP-Fraktionspräsident Jean-Michel Cina. «Herr Freysingers Stillosigkeiten haben wir ja bereits erlebt. Ich habe nichts anderes erwartet.»
SVP-Nationalrat Freysinger wurde national bekannt als Pissoir-Poet. Gross im Gerede war er kürzlich auch als Lügen-Pinocchio. Trotzdem ist sein Buch (Auflage 5000) jetzt in einem renommierten, der CVP nahen Walliser Verlagshaus erschienen. «Es hat mich schon etwas erstaunt, dass der Rotten-Verlag das Buch gedruckt hat», sagt Cina.
Peter Arnold, Verwaltungsratspräsident des Verlags, hat Freysingers Buch überflogen. Er verteidigt das Werk: «Ich sehe keinen Grund, dieses Buch nicht zu veröffentlichen. Es ist einfach Unterhaltungsliteratur. Ich denke, moralische Entrüstung ist hier nicht am Platz.»
Porno-Literat Freysinger selber verhält sich widersprüchlich: Er schreibt zwar sehr offenherzig über Sex, regt sich aber über einen Prospektversand des Erotik-Unternehmens Beate Uhse auf. Im Sommer hat er einen parlamentarischen Vorstoss eingereicht, in dem er die Post kritisierte, weil sie die Uhse-Werbung verteilt hatte.
Schon Freysingers Auftritt als Pissoir-Poet führte dazu, dass sich der Walliser Regierungsrat mit der Frage befassen musste, ob er Lehrer bleiben darf. Auch jetzt wird die Walliser Erziehungsdirektion wieder aktiv. Adjunkt Michel Beytrison: «Wir haben durch den BLICK von Oskar Freysingers Buch erfahren. Wir werden es so schnell wie möglich lesen.» Dann wird eine Gesamtbeurteilung erfolgen. «Natürlich wird uns in diesem Fall der Inhalt des Buches mehr interessieren als die Form», erklärt Beytrison.
Beat W. Zemp, Präsident des Dachverbandes Schweizer Lehrer, findet Freysingers Kurzgeschichte «Berührungsängste» packend geschrieben: «Das schreckliche Ende zwingt den Leser zum Nachdenken.» Zemp sagt aber auch: «Das ist sicher nicht Jugendliteratur, und in den Deutschunterricht gehört das Buch auch nicht.»
Ist Freysinger als Lehrer noch tragbar? Zemp: «Natürlich ist es mit dem Lehrerberuf vereinbar, eine solche Kurzgeschichte zu schreiben, und diese im freiberuflichen Umfeld als Schriftsteller zu veröffentlichen. Wenn wir das verbieten, landen wir schnell wieder bei der Inquisition und bei der Bücherzensur des finsteren Mittelalters.»
Anders sehe es aus, wenn etwa eine Lehrerin Nacktbilder von sich ins Internet stelle, findet Zemp. So geschehen im Berner Seeland. «Das verletzt nicht nur den guten Geschmack, sondern schadet ganz direkt der Autorität und Integrität der Lehrperson.»