© SonntagsZeitung; 21.11.2004; Seite 15 Nachrichten
Fragen der Woche

«Auch Schnitzler war zu seiner Zeit verpönt»
Der Walliser SVP-Nationalrat Oskar Freysinger über sein Buch «Brüchige Welten», Beate-Uhse-Prospekte und neue literarische Projekte
Oskar Freysinger, was war für Sie das wichtigste Ereignis der Woche?
Natürlich die Präsentation meines Buches «Brüchige Welten».
Ein ganzes Buch? Man spricht nur von ein paar Sexszenen.
Dieser Wirbel um eine einzige Geschichte regt mich schon auf. Es hat viele andere gute Geschichten drin, aber die werden unter den Teppich gewischt.
Wenn die umstrittenen Szenen um die lesbische Liebe zweier Musliminnen nicht wären, würde doch kein Mensch von Ihrem Buch reden.
Stimmt wohl. Das zeigt ein Grundproblem: Ohne Skandal habe ich kein Medienecho, mit Skandal schon, aber es wird alles verfälscht.
Sie haben den Skandal einkalkuliert?
Ich musste damit rechnen, dass der «Blick» sich mit der Lupe auf die Suche macht. Deshalb habe ich mir überlegt, die zwei, drei Szenen zu streichen.
Aber die Marketingüberlegung obsiegte. Dafür sind Sie jetzt nicht nur «Pissoir-Poet», sondern auch ein Verfasser von «Porno-Prosa».
Quatsch. Wer Sex sucht in meinem Buch, wird enttäuscht sein (lacht). Ich unterrichte Literatur und weiss, was Porno ist. Im Vergleich zu Elfriede Jelinek in «Raststätte» bin ich ein absoluter Softie.
Aber einer mit einem Knacks offenbar. Oder wie können Sie uns als Schriftsteller Sexszenen unter die Nase reiben und als Politiker gegen den Postversand von Beate-Uhse-Prospekten vorgehen?
Also bitte, das ist doch etwas anderes. Wenn meine neunjährige Tochter Aufgeilmaterial im Briefkasten findet, ist das verfehlt. Mich störte nur der offene Versand.
Ihre Vorgesetzten von der Walliser Erziehungsdirektion wollen Ihr Buch «so schnell wie möglich» lesen und dann eine Beurteilung abgeben. Ist Lehrer Freysinger diesmal zu weit gegangen?
Das ist lächerlich. Ich würde mich im Namen der künstlerischen Freiheit juristisch wehren. Und ich werde literarisch meinen Weg weitergehen.
Das heisst, es ist mit weiteren Werken aus «Freysingers Teufelsküche» (Zitat Freysinger) zu rechnen?
Ja, ich habe mehrere in der Schublade, die nur auf die Publikation warten. Zum Beispiel ein Theaterstück über die Rückkehr Jesu auf die Erde.
O Gott. Ist auch das wieder einschlägig angereichert?
Nur ein bisschen. Dann, wenn Jesus mit dem modernen Sexkonsum konfrontiert wird. Es geht aber um die Anklage gegen die Konsumsucht in jeder Hinsicht.
Das wird keiner hören wollen. Der «Blick» wird Sie stattdessen wegen Blasphemie in die Pfanne hauen. Sie stecken literarisch in der Sackgasse.
Gegenwärtig schon. Aber schauen Sie die Literaturgeschichte an: Schnitzler war verpönt zu seiner Zeit. Sein berühmtes Stück «Der Reigen», damals als pornografisch apostrophiert, wurde 50 Jahre versteckt, dann kam der Durchbruch. Die Gegenwart ist kein Massstab.
Sie gedenken also, literarisch Spuren zu hinterlassen?
Ich glaube schon, dass der eine oder andere meiner Texte das Format hat, Raum und Zeit zu überdauern. Aber falls es so sein sollte, werde ich dies kaum mehr erleben. Nur die Zeit adelt die Kunst.
Und wir warten auf den ersten Bildband.
(lacht) Zeichnen kann ich nicht.
Ist vielleicht besser. Und alles andere erscheint künftig unter Pseudonym?
Vielleicht. Wobei mein Name inzwischen beste Werbung im «Blick» garantiert; die einzige Zeitung, die man mit seinen «vier Buchstaben» lesen kann. Interview: Christoph Lauener
«Ohne Skandal habe ich kein Medienecho»: Oskar FreysingerFoto: oliver maire/keystone