Zur Buchentstehung:
Die vorliegenden dreissig Geschichten sind in einer Zeitspanne von 7
Monaten (Februar bis August 2004) im Zug von Sitten nach Bern ( z.B. „Das
Gleichgewicht“, „Wohnungsangst“, „Babel“,
„die Verstimmung“), im Zimmer 401 des Hotel Kreuz in Bern
(„Vorahnungen“, „Das Attentat“, „Der Filmer“
usw.), während eines Ferienaufenthaltes in Sardinien im April 2004
(„die Tschetschenin“, „Schafsköpfe“, „Gerädert“,
„Am Fenster“ und „Seilschaft“), in meiner Alphütte
in Tschärmilonga („Rücklauf“, „Der Tisch“,
„Das Gemälde“, „Trüber Whiskey“, „Tödliche
Musik“) oder ganz einfach zu Hause in Savièse entstanden
(„Ein stilles Örtchen“, „Ein Hundeleben“,
„Don Juan“, „Die Corrida“, „Sisyphus“,
„Ein freier Mensch“ usw.).
Einen Spezialfall stellen „Das Zimmer“ und „Berührungsängste“
dar, weil ich sie zuerst in französischer Sprache (für die Geschichtensammlung
„Axiomes“) niederschrieb und sie dann in die deutsche Sprache
mehr übertrug als übersetzte.
Die Ideen kommen mir oft während des Joggings auf dem „Bisse
de Lentine“, wo ich mir zweimal in der Woche zwecks Erhaltung meiner
körperlichen Restbestände die Lunge aus dem Leib renne oder
während der zahlreichen Skitouren, die mich im Winter auf die „Horlini“
oder den „Schafberg“ führen. Während ich laufe oder
den Berg hinauf gehe, kristallisieren sich meine Gedanken um ein Bild
oder ein Thema, die aus einer Lektüre oder dem Tagesgeschehen stammen
können. Mein Gehirn spannt dann um diesen Nukleus seine Gespinste
und so komme ich von meiner sportlichen Tätigkeit meist mit einem
oder mehreren Szenarien zurück. Manchmal überfällt mich
aber eine Idee auch mitten im Unterricht, im Parlament oder in einem Supermarkt.
Die Idee zu „Die Verstimmung“ hatte ich im Parlament, als
ich wieder einmal durch die Schwingtür hereinstürzte, um der
Demokratie genüge zu tun. „Trüber Whisky“ kam mir
in den Sinn als ich eines Abends am Motel „Vallesia“ bei Turtmann
vorbeifuhr und mir dabei mein nächster Parlamentsvorstoss gegen Kindesmissbrauch
durch den Kopf ging. „Rücklauf“ stellt meine literarische
Methode dar, um den Waldbrand bei Leuk zu verarbeiten, dessen Spuren mich
heute noch tief erschüttern. „Allahs Geschoss“ und „Berührungsängste“
hängen mit dem Islamismus, dem Irakkrieg und der Invasion Afghanistans
zusammen, die jeden Tag unsere Zeitungen füllen. „Wohnungsangst“
ist ein Ausdruck der für mich ungelösten Problematik zwischen
totaler Verstaatlichung und Ultraliberalismus. „Babel“ fasst
meinen ganz persönlichen Widerspruch in meinem jetzigen politischen
Engagement zusammen. „Sisyphus“ flog mir zwischen zwei Schlägen
gegen den Puchingball im Untergeschoss meiner Villa zu. „Der Tisch“
ist die Verarbeitung des Films „the conspiracy“, der die Wannseekonferenz
zum Thema hat. „Ein Hundeleben“ ist das Resultat eines Joggings
in „Les Grangettes“ bei Le Bouveret, als ich im Sommer 2004
an einem moralischen Tief krankte. „Ein stilles Örtchen“
ist die Reaktion auf ein Poster, das ich in Lübeck kaufte und das
auf humoristische Weise verschiedene Menschen in diversen Tätigkeiten
und Posen auf der Toilette zeigt. Schliesslich ist da noch „Die
Corrida“ zu erwähnen, die mir einfiel, als ich die deutschsprachige
Version des Schauspiels „Teruel“ im Theater „Interface“
in Sitten begutachtete, um etwaige Aussprachfehler des Hauptdarstellers
auszumerzen.
Ich schreibe an jedem beliebigen Ort und in all den Momenten, wo sich
zwischen meinen familiären, beruflichen und politischen Beschäftigungen
ein Freiraum ergibt. Dabei brauche ich lediglich meinen Laptop, sonst
nichts. Ob um mich herum das grösste Chaos herrscht, Bombenalarm
angesagt ist oder die Welt sonst wie untergeht ist völlig gleichgültig.
Sobald eine Geschichte reif ist, muss sie aufs Papier.
Habe ich keine Zeit, die Geschichten sofort auszuarbeiten, was meistens
der Fall ist, so notiere ich die wichtigsten Anhaltspunkte, um sie nicht
zu vergessen, in eine dazu bestimmte Agenda, welche ich zur Hand nehme,
sobald mich der Schreibteufel überfällt. Manche Geschichten
verfolgen mich tagelang und ich kann es meist nicht erwarten, sie endlich
definitiv zu Papier zu bringen.
Was mich immer wieder verwundert sind die eigenartigen Wege, auf denen
mir diese Geschichten zufliessen. Die erste Eingebung hat nichts mit meinem
Willen oder einer formulierten Absicht zu tun. Sie ist ein Geschenk, das
in den unmöglichsten Situationen auf mich zukommt. Fasse ich danach
und halte sie zurück, dann beginnt der zweite Teil, während
dessen ich meine Gedanken frei um die Grundidee kreisen lasse. Dann erst,
nach dieser Reifungsphase, kommt der eigentliche Schreibakt, im Verlauf
dessen sich die Geschichten noch verändern können. In dieser
dritten und letzten Phase liegt aber der grösste Teil der Kreativität
im formalen Bereich, das heisst in der Erstellung des Wortgeflechts, der
Erfindung von Bildern und der Ausarbeitung des Symbolischen. In einer
ersten Phase findet dabei die Grobschrift statt und dann, nach mehreren
Lektüren und Abänderungen, eine allmähliche Verfeinerung
bis zum Endresultat. Im verbalen Bereich bin ich ein Perfektionist. Solange
die sprachliche Formulierung bei der Lektüre nicht völlig natürlich
fliesst, feile ich daran herum bis zum Umfallen. Erst wenn der letzte
Widerstand ausgebügelt ist gebe ich mich zufrieden. Schliesslich
geht es mir nicht darum, irgendetwas halb Gegorenes zu Papier zu bringen,
sondern den ausgereiften Ausdruck meines Formwillens.
Typologie:
Global können die Geschichten in drei Kategorien eingeteilt werden,
wie es der Untertitel bezeugt.
Eine erste Kategorie bilden die Kurzgeschichten, die einen dramatischen
Lebensabschnitt oder ein denkwürdiges Ereignis darstellen (z.B. „Die
Tschetschenin“, Berührungsängste“, „Tödliche
Musik“ usw.).
Dann kommen die parabelhaften Texte, die oft groteske, bis zum Absurden
reichende Situationen beschreiben und dramatischen wie auch humorvollen
Charakters sein können (z.B. „Babel“, „Der Filmer“,
„Sisyphus“).
Schliesslich die Satiren, die gewisse menschliche Verhaltensweisen ironisch
in Frage stellen
(„Ein stilles Örtchen“, „Schafsköpfe“,
„Am Fenster“, „Grüss dich tausendmal“).
Gewisse Geschichten befinden sich an der Schnittstelle zwischen zwei Kategorien
(„Das Gleichgewicht“, „Die Verstimmung“, „Gerädert“).
Einen Spezialfall stellt „Schafsköpfe“ dar, welches als
„satirische Fabel“ bezeichnet werden kann.
Die verwendete Sprache passt sich der jeweiligen Kategorie und dessen
Anforderungen an. Mal ist sie trocken, minimalistisch („Gerädert“),
mal neutral berichtend („Rücklauf“), dann wieder poetisch
(„Die Corrida“), ironisch („Ein stilles Örtchen“)
oder dramatisch zugespitzt („Tödliche Musik“).
Es ging mir bei „Brüchige Welten“ um Stilvielfalt, um
Abwechslung und Überraschung. Der Leser soll sich nicht ausruhen,
nicht in Sicherheit wiegen können. Es soll ihm kein glattes Parkett
geboten werden, er soll über Brüche, Spalten und Risse stolpern.
Monotonie und Langeweile dürfen nicht aufkommen. Gewöhnung an
gewisse Perspektiven und Schemata auch nicht. Der Leser soll vielmehr
ständig aus seiner Selbstsicherheit gerissen werden.
Absicht:
Es ging mir bei diesem Buch
nicht darum, Anekdotisches oder Autobiographisches festzuhalten. Vielmehr
liess ich meinem Schöpfungsdrang vorerst freien Lauf, um dann, einem
Surfer gleich, auf dieser Welle so gefährdet und stilvoll wie möglich
bis zu geheimnisvollen Gestaden hinter der Wirklichkeit zu gleiten.
Will Literatur gelingen, dann muss sie Elemente aus dem persönlichen
Erleben kunstvoll mit dem Zeitlosen verbinden. Die grossen Mythen sind
nicht mehr zu erfinden. Das Alltägliche bleibt anekdotisch. Aus der
Verbindung dieser beiden Ebenen kann jedoch eine Literatur erwachsen,
die unser Erleben, unsere Überzeugungen, unsere Perspektiven über
den Haufen rennt und uns das Vorstossen zu einer Dimension ermöglicht,
die zu oft vergessen wird, obwohl sie allgegenwärtig ist.
Hinter der Welt, aber auch durch diese Welt, öffnen sich andere Welten.
Weil unsere Existenz gefährdet, unser Erleben porös ist, weil
immer wieder Brüche in unserer Weltanschauung entstehen, vor denen
wir von einem Schwindelgefühl erfasst werden, dem nur das Schöpferische
gerecht werden kann.
„Brüchige Welten“ will die unsichtbaren Gesetzmässigkeiten
hinter unserer Existenz offen legen. Die Welt ist keineswegs absurd. Unser
Verhalten ist es. Das Leben ist keineswegs sinnlos. Unsere Augen sind
geblendet. Es herrscht kein Chaos, selbst wenn wir es selber herstellen.
Wir sind nicht allein, denn alles ist auf geheimnisvolle Weise mit allem
verbunden.
Um zu dieser Erkenntnis vorzudringen genügt der Intellekt nicht mehr,
braucht es die Hilfe einer geheimnisvollen Kraft, aus der alles gesprossen
ist und zu der alles wieder zurückfliesst. Der Mensch wehrt sich
und zappelt verzweifelt an der Leine des Unfassbaren. Er will definieren,
erklären, ergründen, will mathematische Präzision. Doch
sein Gehirn stösst immer wieder an Grenzen und schlägt sich
Beulen an der Mauer seiner Selbstüberschätzung. Die Mauer ist
in ihm und er will sie in der Welt überwinden. Die Zweifel, die Angst,
die Verzweiflung sind Kinder seiner Gedankenwelt und er sucht sie in der
materiellen Wirklichkeit zu überwinden, statt in sich selber zu gehen.
„Brüchige Welten“ zeigt Schicksale auf, beschreibt menschliche
Dramen, die so alt sind wie die Menschheit und so jung wie die Zukunft.
Die dreissig vorliegenden Geschichten können nicht alt werden oder
altmodisch, denn sie können sich zu jeder Zeit in irgendeinem Volk,
bei irgendwelchen Menschen zugetragen haben. Der Grundstoff, aus dem sie
bestehen, mag wohl einer bestimmten Epoche oder Gesellschaft entnommen
worden sein. Die dahinter liegende Problematik ist zeitlos.
Schreiben darf nicht zur Selbstdarstellung des Autors verkommen, darf
sich nicht in den Dienst von Platitüden stellen, die schon zu Staub
geworden sind, bevor sie das Papier beschmutzen, das sich ihnen geduldig
zur Verfügung stellt.
Wer wirklich schreiben will, der muss sich in den Dienst dieses Schreibens
selber stellen, muss darin aufgehen, sich selber aufgeben und nur mehr
der geheimnisvollen Stimme in seinem Inneren folgen, jenseits seines Stolzes,
jenseits seines Ego. Wer wirklich schreiben will, der muss akzeptieren,
dass in ihm eine höhere Wahrheit widerhallt, muss akzeptieren, bei
der Niederschrift deren demütiger Diener zu werden. Wer das nicht
kann, der schreibt „Nichtbücher“, der füllt seine
Worte mit Asche statt mit Geist, der betreibt lediglich ein makabres Spiel
mit Todeszeichen, statt der Sprache eine Seele einzuhauchen.
„Brüchige Welten“ hat nichts mit einem gewissen Autor
zu tun, sondern mit dem Leben selber. „Brüchige Welten“
soll nicht als Ausdruck eines bestimmten menschlichen Intellekts verstanden
werden, sondern als gewaltige Stimme, die diesem Intellekt selber entgleitet
und eine Eigendynamik entwickelt, die den Autor selber übersteigt.
Ist dieses Experiment gelungen, dann wird das Buch jeden Menschen bereichern,
der seine Seiten aufschlägt, indem es ihn zwingt, seine eigene Welt
zu hinterfragen und ihm Abgründe und Brüche vorführt, deren
Erkundung in der Seele tiefe Spuren hinterlässt.
Zielpublikum:
Jeder Mensch, der des Lesens
kundig ist und sich nicht mit einer einzig selig machenden Wahrheit von
eigenen Gnaden begnügen will. „Brüchige Welten“
will Fragen aufwerfen, verunsichern, bewegen. Die Geschichten können
oberflächlich gelesen werden, als spannende Abenteuer etwa, oder
als skurrile Erzählungen. Wer aber tiefer gehen will, der wird hinter
den Texten neue, ungeahnte Welten entdecken können.
Dreissig Geschichten, je nach Wunsch und Laune zum Zeitvertreib oder zum
Nachdenken über unsere menschliche Existenz.
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